Ergebnisse und Thesen zu den Projekten

 style= Benchmarking der Wasserversorgung und Abwasserentsorgung in Thüringen


Bereits 2003 initiierten das Thüringer Ministerium für Landwirtschaft, Naturschutz und Umwelt und das Thüringer Innenministerium das Projekt „Benchmarking der Wasserversorgung in Thüringen“. Als Projektleiter wurde die Fachhochschule Schmalkalden ausgewählt, die wiederum in der Projektabwicklung durch die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Rödl & Partner, Nürnberg unterstützt wurde. Die Landesgruppen Ost des BDEW und des DVGW tragen diese Initiative mit und befördern aktiv die Benchmarking Projekte in Thüringen.

Aufbauend auf den Grundlagen der „Effizienz- und Qualitätsuntersuchung der kommunalen Wasserversorgung in Bayern, EffWB“ wurde erstmals für die neuen Bundesländer ein einheitlicher Benchmarking Standard etabliert. Zwischenzeitlich wurde bereits die 2. Projektrunde Wasser erfolgreich abgeschlossen, die nächste flächendeckende Erhebung und Auswertung von Kennzahlen zur Positionsbestimmung der thüringischen Wasserversorgung ist in Vorbereitung.

Darüber hinaus war der bisherige Erfolg im Bereich Wasserversorgung gleichzeitig auch Auslöser und Grundlage eines Abwasserbenchmarking Projektes in Thüringen im Jahr 2008. Auch hier standen und stehen die thüringischen Ministerien für Landwirtschaft, Naturschutz und Umwelt sowie des Inneren als auch die Fachverbände der Wasserwirtschaft als Projektträger als Garant für eine flächendeckende Akzeptanz des Projektes. Als Dienstleister wurde erneut die aus Fachhochschule Schmalkalden ausgewählt. In bewährter Weise ist auch hier Rödl & Partner Kooperationspartner bei der Projektdurchführung.

Nachfolgend werden die allgemeinen Ergebnisse der aktuellen Projekterunden Wasser und Abwasser dargestellt und darauf aufbauend Thesen abgeleitet.

WASSERVERSORGUNG

Im Zeitraum Januar 2004 bis Dezember 2008 wurden zwei Projektrunden Benchmarking Wasserversorgung erfolgreich abgeschlossen.

An den Erhebungs- und Auswertungsrunden nahmen 20 Wasserversorger auf Basis der Daten des Wirtschaftsjahres 2003 sowie 16 Wasserversorger auf Basis der Daten des Wirtschaftsjahres 2006 teil. Zwölf Unternehmen davon haben bereits zum wiederholten Mal Daten zur Verfügung gestellt. Die Wiederholerquote liegt demnach bei 60 % bezogen auf die Teilnehmerzahl der ersten Projektrunde und ist besonders positiv hervorzuheben. Insgesamt haben sich somit 24 thüringische Wasserversorger dieser Vergleichssystematik unterzogen. Bezogen auf die Gesamtzahl von 107 Wasserversorgern entspricht dies einer Teilnehmerquote von 21,5 %. Bezogen auf die gesamte Wasserabgabe an Endverbraucher in Thüringen werden durch die Teilnehmer ca. 56 % abgedeckt.

ABWASSERENTSORGUNG

Ausgelöst durch die erfolgreichen Projektrunden in der Wasserversorgung wurde Ende des Jahres 2007 die erste Erhebungs- und Auswertungsrunde „Benchmarking der Abwasserentsorgung in Thüringen“ gestartet. Zunächst wurde von Oktober 2007 bis März 2008 eine Konzeptentwicklungs- und Pilotphase durchgeführt, im Juli 2008 begann dann mit dem auf thüringische Besonderheiten abgestimmten abwasserspezifischen Fragebogen die eigentliche Erhebung. Ende des Jahres 2008 wurden schließlich alle individuellen Ergebnisberichte mit den teilnehmenden Abwasserunternehmen abgestimmt.

Für die Untersuchung der Leistungsfähigkeit und Positionsbestimmung der thüringischen Abwasserbeseitigung konnten insgesamt 13 Unternehmen gewonnen werden. Bezogen auf die Anzahl der Abwasserbehandlungsanlagen im Freistaat Thüringen (Stand 2006) entspricht dies in der Klasse unter 10.000 Einwohnerwerten einer Teilnehmerquote von 3,3%, in der Klasse von 10.000 bis 100.000 Einwohnerwerten einer Quote von 15,6% und in der Klasse ab 100.000 Einwohnerwerten einer Teilnehmerquote von 25%. Die Datengrundlage bei allen Teilnehmern bildete das Wirtschaftsjahr 2007.

AUSWERTUNG UND BERICHTERSTELLUNG

Bei beiden Projektansätzen (Wasserversorgung und Abwasserbeseitigung) stand der Aspekt der Ganzheitlichkeit der Betrachtung im Mittelpunkt. Die jeweiligen Fachkonzepte bauen auf dem IWA - Kennzahlensystem sowie dem DWA Forschungsprojekt auf und erweitert diese in spezifischen, thüringischen bzw. ostdeutschen Aspekten (z.B. Grundbuchbereinigungsgesetz). Die Beurteilung der Unternehmen erfolgt anhand von Kennzahlen und berücksichtigt alle Aufgaben Leistungsmerkmale eines Wasserversorgers bzw. Abwasserbeseitigers in den Bereichen:

  • Effizienz, Wirtschaftlichkeit (d.h. Kosten und Personal),
  • Sicherheit bzw. Zuverlässigkeit der der Versorgung bzw. Entsorgung,
  • Qualität der Versorgung bzw. Entsorgung,
  • Nachhaltigkeit des Handelns des Versorgers bzw. Entsorgers sowie
  • Kundenservice.

Die gleichwertigen Leistungsmerkmale werden mit Kennzahlen quantitativ erfasst und einzeln sowie zusammenfassend beurteilt. Die Interpretation der Kennzahlenergebnisse erfolgt an Hand von Strukturdaten sowie mittels übergeordneter Einflussgrößen wie der Aufgabenwahrnehmung, dem Outsourcinggrad und der Organisationsqualität.

Die Teilnehmer der Benchmarking Projekte bekommen jeweils einen ca. 15 seitigen Individualbericht zur eigenen Positionsbestimmung.. Dieser dient als Grundlage für eine vertiefende Beurteilung des jeweiligen Unternehmens und soll zudem Ausgangspunkt für die Konkretisierung und Umsetzung von Optimierungsmaßnahmen sein. Zusätzlich zum jeweiligen Individualbericht erhalten die Teilnehmer eine ausführliche Anlage, in der alle Kennzahlen der jeweiligen Vergleichsgruppe numerisch und zudem grafisch dargestellt wurden. Darüber hinaus besteht für alle Teilnehmer der Benchmarking Projekte die Möglichkeit zur Nutzung der Rödl & Partner Benchmarking Datenbank. Hierdurch besteht für die Teilnehmer die Möglichkeit, über die standardisierte Auswertung hinaus zusätzliche Kennzahlenauswertungen durchzuführen. So können bspw. jederzeit die Auswahl der Vergleichsunternehmen verändert und auch bundesländerübergreifende Auswertungen durchgeführt werden. Die zugesicherte Anonymität und Vertraulichkeit der unternehmensindividuellen Daten bleibt dabei jederzeit gewahrt.

PROJEKTERGEBNIS WASSERVERSORGUNG

Die wesentlichen Ergebnisse aus zwei abgeschlossenen Projektrunden Benchmarking Wasserversorgung lassen sich wie folgt zusammenfassen. Belastbare Grundlage insbesondere im Bezug auf die Entwicklung von Kennzahlenergebnissen im Zeitverlauf ist eine konstante Vergleichsgruppe von 12 Wasserversorgungsunternehmen.

  1. Die Kosten bezogen auf die Netzabgabe liegen im bundesweiten Vergleich auf überdurchschnittlichem Niveau.

    Die Gesamtkosten bezogen auf die Netzabgabe gemessen in m³ liegen im bundesweiten Vergleich auf überdurchschnittlich hohem Niveau und sind im Zeitverlauf 2003 bis 2006 von 2,52 €/m³ auf 2,70 €/m³ bzw. um jährlich 2,3 % gestiegen. Der Kostenanstieg betrifft sowohl den Bereich der Kapitalkosten, als auch der laufenden Kosten.

  2. Die Netzabgabe bei den teilnehmenden Unternehmen ist weiter rückläufig

    Im Schnitt verbraucht jeder Thüringer Bürger ca. 90 l Wasser pro Tag. Der bundesweite Vergleichswert liegt hier bei 127 l pro Tag. Die Netzabgabe der betrachteten Unternehmen ist im Durchschnitt um etwa 3 % im Vergleich der Jahre 2003 bis 2006 gesunken. Dies ist kann als eine der wesentlichen Ursachen für die vergleichsweise hohen Kostenkennzahlen gesehen werden.

  3. Die finanzielle Belastung des Endkunden bewegt sich auf dem bundesweiten Niveau

    Unter Berücksichtigung des spezifischen Wasserverbrauches und der durchschnittlichen Kosten pro m³ liegt die finanzielle Belastung des Endkunden pro Kopf und Jahr bei ca. 88 € und damit nur unwesentlich über den Durchschnittswerten in Baden-Württemberg, Bayern und Nordrheinwestfalen.

  4. Die Personalausstattung ist im Zeitverlauf rückläufig

    Im Zeitreihenvergleich der Personalkennzahlen ist ein rückläufiger Trend festzustellen. Insgesamt liegen die Ergebnisse noch immer über dem bundesweiten Mittelwerten. Im Gegenzug dazu liegen allerdings die durchschnittlichen Personalkosten pro Mitarbeiter nach wie vor deutlich unterhalb der bundesweiten Vergleichswerte.

  5. Die Versorgung der thüringischen Bevölkerung mit Trinkwasser ist sicher und zuverlässig

    Die hohe Versorgungssicherheit zeigt sich sowohl in einer konstant hohen durchschnittlichen Behälterkapazität sowie anhand der Tatsache, dass bei den teilnehmenden Unternehmen nahezu keine Versorgungsunterbrechungen von mehr als 12 Stunden auftraten, von der zumindest 1% der versorgten Bevölkerung betroffen war.

  6. Die Wasserverluste konnten im Zeitverlauf kontinuierlich reduziert werden.

    Bedingt durch den allgemeinen Zustand der Netzinfrastruktur sind sowohl die technischen (gemessen in m³/km Leitungsnetz und pro Stunde) als auch die kaufmännischen Wasserverluste (prozentualer Anteil der nicht verkauften Wassermenge) als hohe Verlustraten einzustufen. Die deutliche rückläufige Entwicklung dieser Kennzahlenwerte im Zeitverlauf zeigt allerdings, dass die ergriffenen Maßnahmen der Wasserversorgungsunternehmen zur Leitungserneuerung positive Wirkung entfalten.

  7. Umfang der Erneuerungsmaßnahmen liegt im bundesweiten Vergleich deutlich über dem Durchschnitt

    Die Netzerneuerungsrate des Jahres 2006 liegt deutlich über der des Jahres 2003. Mit einem Wert von 1,8 % erreichen die thüringischen Wasserversorger einen bundesweiten Spitzenwert. Unter Berücksichtigung des Netzzustandes und der Wasserverluste erscheint dieser Wert sinnvoll und unter nachhaltigen Aspekten notwendig. Anhand der deutlich rückläufigen Schadensraten lässt sich zudem die Wirtschaftlichkeit solcher Maßnahmen nachweisen.

PROJEKTERGEBNIS ABWASSERBESEITIGUNG

Da bisher erst eine Projekterhebungs- und Auswertungsrunde durchgeführt wurde ist derzeit noch keine Ableitung von Trendaussagen möglich. Dennoch sind die vorliegenden Ergebnisse geeignet eine erste Einschätzung zur Situation der thüringischen Abwasserbeseitigung abzugeben.

  1. Die Kosten der Abwasserbehandlung liegen deutlich über den Werten in anderen Bundesländern

    Im Bereich der Abwasserbehandlung liegt der ermittelte Durchschnittswert mit 62,46 €/Einwohnerwert über den Vergleichswerten aus anderen Bundesländern (Bayern bzw. Baden-Württemberg ca. 40 €/Einwohnerwert). Die Kosten der Abwasserableitung in €/km bewegen sich weitestgehend auf dem Niveau der Abwasserbeseitiger in den übrigen Bundesländer.

  2. Sicherheit und Zuverlässigkeit der Entsorgung ist gewährleistet

    Beim Anteil der Kanäle mit unmittelbarem oder kurzfristigem Handlungsbedarf am Gesamtkanalnetz (Zustandsklasse 0 und 1) liegen die teilnehmenden thüringischen Abwasserentsorger mit 4, 9% etwas über dem Durchschnitt der bayerischen Nachbarn (4,5%), allerdings deutlich unter dem bundesweiten Durchschnittswert von ca. 8%.

  3. Die Abwasserbeseitigung in Thüringen wird unter nachhaltigen Aspekten betrieben

    Im Bereich der Kanalerneuerung liegen die Abwasserentsorger in Thüringen mit 1, 7% über dem Durchschnitt der alten Bundesländer (bspw. Bayern: 0,5%, Rheinland-Pfalz 0,5%). Dies ist bereits im Bereich der Wasserversorgung festzustellen und trägt der besonderen Situation der neuen Bundesländer Rechnung. Daneben setzt ein Großteil der Entsorger auf die Ausbildung und Weiterqualifikation eigener Mitarbeiter, was unter der sozialen Perspektive des Begriffes Nachhaltigkeit ein weiterer Hinweis auf eine nachhaltige Unternehmenspolitik ist.

THESEN ZU DEN PROJEKTEN
  1. Die absolute Zahl der Teilnehmer an solchen Benchmarking-Projekten muss dauerhaft erhöht werden.

    Im Zusammenhang mit der aktuellen Diskussion um eine missbräuchliche Ausnutzung der Monopolsituation in der Wasserwirtschaft muss durch die Branche selbst der Nachweis erbracht werden, dass sich die bestehenden Strukturen bewährt haben und zum Wohle der Verbraucher Maßnahmen zur kontinuierlichen Verbesserung etabliert werden.

  2. Nur die Unterstützung aller Interessensgruppen hilft dieses Ziel zu erreichen.

    Die Erfahrungen aus anderen Bundesländer zeigen, dass nur durch eine gemeinsame Projektunterstützung aller Interessenvertreter das Ziel einer möglichst hohen und dauerhaften Teilnahme zu erreichen.

  3. Flexible Projektorganisation und -ablauf sind ein Schlüssel zum Erfolg.

    Kurze Projektlaufzeiten und die Möglichkeit einer flexiblen Teilnahme sind notwendig, wenn die Erkenntnisse des Leistungsvergleichs auch als Grundlage einer unternehmerischen Steuerung dienen sollen. Dies fördert zudem die Akzeptanz der Projekte.

  4. Die positive Wirkung von Benchmarking muss transparent werden.

    Benchmarking als Instrument zur kontinuierlichen Leistungsverbesserung im Wassersektor ist zwischenzeitlich anerkannt und gut etabliert. Allerdings sind Benchmarking-Initiativen kein Selbstzweck, sondern dafür gedacht, die Leistungsfähigkeit der Branche kontinuierlich nachzuweisen. Deshalb ist es notwendig, die im Zeitverlauf erzielten Verbesserungen aktiv zu kommunizieren.

    Die Einführung der landesweiten Benchmarking Projekte Wasserversorgung und Abwasserbeseitigung kann als Erfolg betrachtet werden. Die erzielten Ergebnisse der teilnehmenden Unternehmen können sich sehen lassen und bestätigen nicht nur deren Leistungsfähigkeit sondern auch deren Bereitschaft sich einer objektiven Auseinandersetzung mit Stärken und Schwächen im Unternehmen.

Entscheidend für den weiteren Erfolg der bisherigen Aktivitäten ist jedoch die Zahl der Unternehmen, die regelmäßig und dauerhaft an Kennzahlenvergleichen teilnehmen. Nach den ersten Jahren der Einführung des Instruments in der Branche und der Ausreifung des Konzepts muss nunmehr die Phase der breitenwirksamen Etablierung folgen. Dies bedeutet, dass nicht nur in Thüringen bei der Wiederholung der Projekte die Teilnehmerzahl und die dadurch erfasste Wasserabgabemenge an Endverbraucher bzw. Abwassermenge erhöht werden muss, sondern bundesweit mittelfristig das Ziel einer „Flächendeckung“ angestrebt und erreicht wird.

Die FH Schmalkalden als Projektleiter wird in den kommenden Wochen zur Teilnahme am Benchmarkingprojekt „Abwasserentsorgung in Thüringen“ aufrufen und Sie über den geplanten Ablauf des Benchmarkingprojektes „Wasserversorgung in Thüringen“ informieren.